LUCIUS FLAVUS - The Story Of A Hero - German Fansite About The Famous Historical Novel

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"Ein Held wird niemals aufgeben. Und ein christlicher Held darf das noch viel weniger tun." 8. Juni 09: ______________ >> 300 BESUCHER AUF DIESEM WEBLOG!!! << >> 14.01.10 >>>>>> 800 Besucher!!!!! ________________________ "LUCIUS FLAVUS" ist ein historischer Roman des schweizer Schriftstellers Joseph Spillmann aus dem 19. Jahrhundert. Dieses Weblog ist weder im Auftrag eines Verlags noch der Kirche aufgebaut, sondern wird einzig und allein von Fans betrieben. Falls sich jemand durch Inhalte auf dieser Seite in seinen Urheberrechten verletzt fühlen sollte, bitten wir denjenigen, sich sofort bei uns zu melden. Wir werden die betreffenden Inhalte dann schnellstmöglich löschen. _________________________ Auf Fehler und Mängel darf gerne hingewiesen werden! _________________________ www.myblog.de/lucius-flavus _________________________ ________________________ _______________________ ______________________ _____________________ ____________________ ___________________

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Hier ein erster Ausschnitt aus dem Buch... (S. 380 bis S. 399)

26. Kapitel

Thamars Heldenmut


Am Abend des gleichen Tages trat Eleazar in das Haus der Tempeljungfrauen und verlangte Thamar zu sprechen. Statt ihrer kam wieder die greise Phenenna und erklärte, die Tochter Sadoks weigere sich, ihn zu sehen. Zugleich wollte sie dem Neffen Vorhaltungen über dessen maßlose Grausamkeit machen.
 
(...)
 
„...ich bin nicht gekommen, um mit dir über Dinge zu streiten, von denen du nichts verstehst. Lass der Tochter Sadoks diesen Papyrusstreifen bringen. Wenn sie sich dann noch weigert, mich zu sprechen, so weiß sie, welche Folgen das haben wird.“
   Auf dem Papyrus standen die Worte: „Eleazar der schönen Thamar, die er sich zur Braut ausersehen hat. Wisse, Rose von Antiochia, dass ich dich brechen werde, obschon deine Dornen mich verwunden, weil dein Duft süß ist und deine Gestalt mir wohlgefällt. Der schöne Römer, der auch seine Hand nach dir ausgestreckt hat, ist in meiner Gewalt; ich halte ihn in meinem Hause in sicherem Gewahrsam. Und beim Gott unserer Väter! Er soll unter Qualen enden, wie sie Antiochus an den Makkabäern erprobte, wenn du den , wie du mich nanntest, nicht als deinen Bräutigam anerkennst. Wähle, ich warte.“
   Thamar erschrak zu Tode, als sie diese Zeilen las und eilte in die Pfortenstube, um Eleazar durch Worte und Tränen zum Erbarmen zu bewegen. Der harte Mann hörte sie an und weidete sich an den Schmerzen des armen Mädchens. Das war eine erste Abschlagszahlung für die bitteren Worte, die sie ihm ins Antlitz geschleudert hatte. Und je mehr er ihre Angst um das Leben des Römers in ihren Augen sah, umso mehr entzündete sich in seinem Herzen das Feuer der Eifersucht. „Um mich würde sie kein Wort verlieren,“ sagte er zu sich.
   Thamar demütigte sich endlich so weit, dass sie kniefällig Eleazar um Verzeihung bat. „Ich habe damals in der Aufregung geredet,“ sagte sie, „und meine Worte nicht genug abgewogen. Ich will ja glauben, dass du überzeugt bist, deine Taten seinen zum Wohle Israels nötig und erlaubt, obschon ich das nicht verstehe. Sei nun aber wenigstens gegen mich barmherzig und schenke mir das Leben dieses Mannes, der meinem Vater und mir nur Gutes erwiesen hat.“
   „Dass du ihn ehelichen könntest!“ höhnte Eleazar.
   „Ich schwöre dir, dass ich keinen Heiden zum Manne nehme!“
   „Oh, er könnte um deiner schönen Augen willen sich am Ende beschneiden lassen wie der feige Metilius, obschon er heute erklärte, dass er den Tod der Schmach unseres Glaubens vorzöge.“
   „Auch wenn er um meinetwillen Jude würde schwöre ich, ihm niemals die Hand zu reichen!“
   „Und willst doch meine Braut nicht werden?“
   „Sei großmütig! Wirb nicht so um die hand eines Mädchens! Siehe, in Masada warst du großmütig gegen mich. Damals sagtest du, du würdest mich nie zwingen, das Haus deines Vaters als Braut zu betreten, wenn er am Tod meines Vaters schuldig sei. Du weißt jetzt, dass dies leider der Fall ist. Siehe, damals, als ich erkannte, oder doch zu erkennen meinte, dass du großmütig seiest, fing ich an zu glauben, dass ich dich lieben und nach dem Willen des Gesetzes deine Frau werden könne. Und wenn ich sehe, dass du deine schlimmen Leidenschaften bezwingst, so kann es vielleicht noch geschehen, dass ich die Deine werde. Sonst möchte ich lieber sterben, so wahr der Herr in mein Herz sieht!“
   „Und mit einem solchen glaubst du mich kirren zu können und meinst, ich sehe die Hintertür nicht, die du dir offenhältst? Großmütig oder nicht großmütig- so wie ich bin sollst du mich zum Manne nehmen! Bis morgen Abend gebe ich dir Bedenkzeit, dann sollst du mir klipp und klar mit Ja oder Nein antworten. Und ist das Todesurteil für den Römer.“
   Mit diesen Worten verließ er sie. Thamar wankte traurigen Herzens in ihr Kämmerchen zurück. „Er wird es tun, der Wütende, wird ihn morden, wenn ich ihn nicht zum Mann nehme. Kann ich, darf ich ein solches Opfer für den Fremdling bringen? Das wäre ja mehr als mein Leben! Heilige Jungfrau, die du einst dieses Haus bewohntest, schau die Angst meiner Seele und gib mir einen guten Gedanken, der den Römer vor dem grausamen Tod und mich vor dem Opfer bewahre, die Gemahlin dieses harten und grausamen Menschen werden zu müssen.“ So betete sie in ihrem Herzen. Thamar hatte in den Tagen während der Belagerung der Königsburg oft für Lucius gebetet, und dass er nun nicht wie seine Gefährten einfach hingeschlachtet worden war, erschien ihr schon als eine teilweise Erhörung ihres Flehens. Gewiss, es musste sich ein Rettungsweg finden lassen! Aber wie sie auch sann und sann, es wollte ihr nichts durchführbares einfallen.
   Sara kam und fragte, ob sie nicht vom Tempeldache aus den Brand des Königspalastes mitansehen wolle. Nachdem nämlich der Pöbel den Prachtbau ausgeplündert hatte, war er an allen vier Ecken angezündet worden und brannte nun lichterloh zum Himmel. Um der guten Alten den Willen zu tun, stieg sie nun mit ihr auf das flache Dach und das eine weile das furchtbar schöne Schauspiel mit an.  Zu allen Fenstern loderten die Flammen heraus und vereinigte sich in eine einzige ungeheure Säule, die Funkensprühend emporstieg. Über die ganze Stadt hinweg bis zum Tempel hin hörte man das Prasseln der Feuerwogen und das Stürzen des Gebälks. Wie glühende Riesen tauchten die hinter dem Palaste aufstrebenden Formen des Hippikus, des Phasael und der Mariamne au fund die große Stadt und der nächtliche Himmel schienen in rote Glut getaucht. Die goldenen Zinnen des Heiligtums leuchteten, als ob die Flammen das selbe auch schon ergriffen hätten.
   „Sieh doch, wie die Frauen auf allen Dächern stehen! Ganz Jerusalem schaut dem schrecklichen Brande zu,“ sagte Sara.
   Da fuhr Thamar ein Gedanke durch den Kopf: Wenn jemals, so könnte man jetzt etwas für die Befreiung des Centurio wagen, da aller Aufmerksamkeit auf den Brand gelenkt ist. Sie zupfte die Amme am Ärmel und führet die Widerstrebende mit sich in ihr Kämmerlein.
   „Wir hätten noch etwas bleiben sollen,“ sagte die Alte, „wenigstens bis das Dach einstürzt. Dann fliegen die Funken noch einmal so hoch.“
   „Ganz richtig. Du sollst es in der Nähe sehen. Geschwind, hole mir einen dunklen Überwurf und begleite mich nach dem Hause des Kaiphas. Dort sind wir viel näher am Brande, sodass dir nichts entgehen wird.“
   „Jetzt? In der Nacht? Wo denkst du hin, mein Täubchen! Ich glaube, Phenenna jagt dich und mich aus dem Hause, wenn sie es erführe. Du weißt ja, wie streng es den Tempeljungfrauen verboten ist, das Haus zu verlassen.“
   „Sie soll es aber nicht erfahren, gute Sara. Sie ist schon längst in ihrem Zimmer und die Gefährtinnen sind alle auf dem Dach. Sei lieb und hole den Überwurf!“
   Wozu hätte sich die Amme von ihrer Thamar nicht bereden lassen? In den brennenden Palast hinein wäre sie ihr gefolgt, wenn „ihr liebes Kind“ darauf bestanden hätte. Seufzend ging sie also, den verlangten Überwurf zu holen. Thamar freilich war bei dem kühnen Unternehmen, das sie plante, nicht ganz so wohl zu Mute, als sie sich vor der Amme den Schein gab. Wenn es niemand anders als Phenenna erfuhr, hoffte sie zwar, sich rechtfertigen zu können, aber wenn diese grobe Übertretung der Hausordnung auch von anderen bemerkt wurde, musste sie einer schweren Strafe und wahrscheinlich der schimpflichen Ausweisung gewärtig sein. Und wohin hätte sie sich dann wenden sollen?
   Aber auf der anderen Seite galt es, wenigstens u versuchen, ein Menschenleben zu retten, und zwar das Leben eines Mannes, der ihrem Herzen teuer war. Und gerade das fühlte sie jetzt, da derselbe in Gefahr schwebte, so lebendig wie noch nie. „Ich kann ihn ja nicht für mich retten,“ sagte sie sich. „Er soll in seine Heimat zu seiner Schwester fliehen, von der er mir einmal sagte, sie gleiche mir. Nie in meinem Leben werde ich sein freundliches Antlitz mehr sehen; aber es wird mir doch ein Trost sein, ihn aus der Hand dieses Wüterichs gerettet zu haben. Und wenn es mein Tod wäre -  versuchen will ich es!“
   Benjamin hatte ihr das haus des Kaiphas und namentlich auch das Gefängnis, in welchem er mit dem wahnsinnigen Alten zusammengesperrt wurde, so genau geschildert, dass sie das ganze Bild klar in ihrem Gedächtnis hatte. Auch von einem Zugang auf der Seite des baufälligen Flügels hatte er ihr gesprochen. Sie hoffte ihn zu finden, wenn es ihr nur gelang, unbemerkt das Hoftor und den Hofraum zu durchschreiten. Freilich -  wie sollte das möglich sein? Und wie konnte sie den Gefangenen unbemerkt aus dem Hofe bringen? Und wo denselben in der Stadt verstecken?
   Ein Mann hätte angesichts so vieler Schwierigkeiten, die nur das Zusammentreffen einer ganzen Reihe günstiger Zufälle heben konnte, niemals den Versuch gewagt. Aber das Herz einer Frau wagt mehr. Es musste irgendwie gehen; sie hatte gebetet, und Gott würde ihr auf irgend eine Weise zu Hilfe kommen. Sie hoffte auch wider die Hoffnung! So hüllte sie sich in den dunklen Mantel, den Sara brachte, und sagte: „Voran! Führe mich durch die halle, in der die Priestergewänder gewaschen werden. Dort ist ein Pförtchen, durch das wir in das Holzlager und durch dieses hoffentlich ins Freie gelangen können.“
   Wenige Minuten nachher schlichen zwei verhüllte Gestalten im Schatten der Tempelmauer hin und huschten über den äußeren Vorhof nach der Brücke, die in die Stadt führte. Dort stand ein Posten und die beiden Frauen wären beinahe umgekehrt. „Noch Weiber da?“ sagte der Mann. „Ich meinte, das Tempeltor sei längst geschlossen. Aber es ist ganz gut, dass ihr so eifrig für das Heil Israels betet. Es kommen schwere Zeiten über die Stadt. Seht da droben, was der Herr für ein Zeichen am Himmel leuchten lässt!“
   Sie schauten auf und sahen, wie über dem Ölberg ein Komet in Gestalt eines flammenden Schwertes aufging. Sara schrie laut vor Schrecken.
   „Ich habe ihn eben erst gesehen und dem Hauptmann gezeigt, der die Wachen besuchte,“ sagte der Wächter. „Der meint, es sei ein gutes Zeichen und bedeute den Römern Untergang. Möge er recht haben! Geht in Frieden und betet!“
   Im Westen lohte die Glut des Königspalastes und im Osten flammte das beängstigende Gestirn. Thamar aber drängte davon, ihrem mehr als gewagten Unternehmen entgegen.
 
  
Erst jetzt sagte Thamar ihrer Begleiterin etwas vom Ziele des nächtlichen Ausfluges. Sie würden freilich den Brand der Burg auch mehr in der Nähe sehen, sagte sie; aber zuerst müsse sie nach dem Hause des Kaiphas, um dem Bruder etwas sehr Wichtiges mitzuteilen. Ihr das Nähere zu erklären, sei keine Zeit; sie würde es nachher erfahren und gewiss alles billigen. Sara war wiederholt von Thamar zu Benjamin geschickt worden; sie wusste also den Weg und war auch dem Pförtner bekannt. Etwas brummig fügte sie sich dem unbegreiflichen Einfalle ihres sonst so klugen Kindes, und sie erreichten ohne Schwierigkeit durch die trotz der späten Stunde von vielen Leuten belebten Gassen das Haus des Kaiphas.
   Auf dem platze davor war ein unruhiges Kommen und gehen. Dazwischen standen viele in Gruppen und redeten von dem Brande, der seine rote Glut in die Gassen hineinwarf oder von den Kometen, der immer mehr aller Augen auf sich zog. Jetzt kamen einige vom obern Markt her die Gasse hinab und riefen: „Habt ihrs gehört? Es soll Kunde gekommen sein, der Cestius Gallus nahe mit einem ungeheuren Heere!“
   „O, so schrecklich soll die Zahl nicht sein -  etwa 20- bis 30 000!“ antwortete einer. „Wir stellen ihnen leicht das Doppelte entgegen, und unser Führer Eleazar wird sie zusammenhauen.“
   „Nun, er wird zu tun haben,“ erwiderte ein zweiter Bürger. „Römer sind andere Krieger als unsere bösen Nachbarn, die Samariter. Doch seht, da kommt der tapfere Eleazar aus seinem hause.“
   „Hoch Eleazar! Hoch der Held unseres Volkes!“ schrieen die Bürger und machten dem Führer Platz, der von einigen ebenfalls berittenen Gefährten begleitet, aus dem weit geöffneten Hoftore trabte.
   Thamar, die, mitten über den Platz schreitend, diese Reden vernommen hatte, konnte den Reitern eben noch in den Schatten der Mauer ausweichen. Dann hörte sie, wie Eleazar die Bürger mit einigen Worten ermahnte, guten Mutes zu sei und sich unter ihren Führern die nächsten Tage tüchtig in den Waffen zu üben. Er wolle persönlich dem Feind als Kundschafter entgegenreiten und werde rechtzeitig zurückkommen, um sie zu Kampf und Sieg zu führen. „Gott ist mit uns!“ rief er. „Gerade im rechten Augenblicke hat er uns die Burg überliefert, und jetzt streckt er am Himmel sein Schwert drohend gegen die Römer aus!“ Von lauten Zurufen begleitet sprengte er dann die Gassen hinab dem Tore zu.
   Thamar überlegte einen Augenblick, was nun zu tun sei. Auf einige Tage schien für den Centurio nichts zu fürchten. Andererseits musste die Zeit vor Eleazars Rückkehr ausgenützt werden, und gerade diese nacht voll Aufregung schien ihr für das Unternehmen günstig. Da sah sie an dem Tore, dessen Flügel jetzt wieder geschlossen wurden, einen Knaben, der dem davonsprengenden Eleazar nachblickte. Er drehte ihr den Rücken; so hielt sie ihn für Benjamin und trat rasch auf ihn zu, denselben mit „Bruder“ anredend. Verwundert blickte sich der Knabe um und fraget: „Wer bist du?“ und Thamar wollte erschrocken mit einem: „Verzeihe, ich irrte mich“, zurücktreten. Aber der Knabe sagte freundlich: „O, du musst die Schwester Benjamins sein, von der er mir so viel erzählt hat! Du hast dir wohl auch den großen Brand angesehen? Gerne wäre ich mit Benjamin auf den Burgplatz hingegangen; aber Eleazar und der Vater wollen es nicht haben.“
   Der Vater! An Ben Kaiphas hatte sie gar nicht gedacht. Wie konnte sie es wagen, in das haus dieses Mannes einzudringen? Und nun war sie überdies von dem Knaben erkannt, und die Rettung des Centurio musste sofort ihr zur Last gelegt werden, wenn sie gelang. Hätte sie unerkannt in den Tempel zurückkehren können, so wäre auf sie kaum ein Verdacht gefallen. Einerlei! Schon der Umstand, dass sie während der Nacht fern vom Tempel gesehen wurde, musste die unangenehmsten Folgen für sie haben. Sie konnte nicht mehr zurück, sie musste jetzt handeln.
   Diese Gedanken schossen ihr mit Blitzesschnelle durch die Seele, und in einer Art Verzweiflung fragte sie: „Ist dein Vater zuhause?“
   „Gewiss. Soll ich ihn rufen oder dich zu ihm führen?“
   „Nein, guter Nathanael. Nicht zu ihm, sondern zu meinem Bruder möchte ich. Und es wäre mir sehr lieb, wenn du das so einrichten könntest, dass dein Vater nichts davon merkt. Dein Vater  -  sieh  -   nun, ich habe mich einmal mit ihm etwas gezankt und –„
   „Es ist gut,“ entgegnete Nathanael, der sehr wenig Ehrfurcht vor seinem Vater hatte. „Mein Vater zankt sich fast mit allen Leuten. Er soll nicht erfahren, dass du hier bist. Folge mir in den alten Ratsaal! Dorthin will ich Benjamin schicken und im Hofe aufpassen, dass er euch nicht stört. Benjamin weiß dort gute Verstecke, und wenn ich pfeife, wird er dich schon irgendwohin führen, wo euch der Vater nicht findet.“
   „Thamar winkte Sara, dass sie im Schatten der Mauer warte, und schritt klopfenden Herzens durch das Tor. Der weite Hofraum war von dem Brande hell erleuchtet. Der Knabe aber führte sie vorsichtig die Mauern entlang in den Gerichtssaal und hieß sie auf dem Schafte der umgestürzten Säule warten, bis der Bruder komme.
 
   Soweit war alles über Erwarten gut gegangen. Thamar fasste Mut: Ihr Gebet war nicht fruchtlos und sie betete jetzt mit noch mehr Vertrauen.
   Endlich kam Benjamin. Kurz setzte sie ihm auseinander, um was es sich handle. Aber zu ihrem Schrecken sah sie, dass der Bruder nicht den Mut habe, jetzt während der nacht allein in die unterirdischen Gewölbe hinabzusteigen. Die Angst, die er damals bei dem wahnsinnigen Kaiphas ausgestanden hatte, war zu lebendig in seiner Erinnerung. „Ich habe immer gehört, die bösen Geister seien in der Nacht mächtiger als am Tage. Ich glaube, der Besessene würde mich jetzt in Stücke reißen. Als ich vorhin auf dem Dache nach dem Brande schaute, hörte ich den Alten so schrecklich heulen wie noch nie,“ sagte Benjamin.
   „Aber der gute Centurio, der den Vater und mich aus der Hand der Räuber gerettet hat, wird nicht bei dem wahnsinnigen eingekerkert sein!“
   „Doch! Es ist kein anderer Kerker drunten, der verschlossen werden kann.“
   „So will ich dich in Gottes Namen hinabbegleiten. Führe mich.“
   „Ohne Licht? Bei tage würde ich mich kaum getrauen, die verfallene Treppe hinabzukommen, die von diesem bau aus zum Gewölbe führt.“
   „Es muss gehen; es wird gehen! Das brennende Schloss erhellt ja alles sonnenhell; wo bei Tag ein Strahl einfällt, muss er auch jetzt uns den Weg zeigen.“
   „So komm. Aber ich sage dir, dass ich nicht zu dem Besessenen in den Kerker hineingehe. Das musst du selbst tun.“
   „Ich hätte dich für mutiger gehalten, Benjamin.“
   „ich habe Mut -  aber nicht gegen böse Geister! Wenn ich keinen Mut hätte, so wäre ich gar nicht zu dir herübergekommen; denn Ben Kaiphas schlägt mich halb tot, wenn er hinter diesen Streich kommt, oder sperrt mich wieder zu dem Besessenen hinein. So komm nun.“
   Benjamin führte die Schwester hinter die zum Teil eingestürzte Empore, auf welcher die Richter Jesu gesessen hatten. Da war es stockdunkel. Tappend gelangte der Knabe, Thamar an der Hand, um eine Ecke, wo er die Treppe wusste. „Aufgepasst,“ sagte er. „Hier haben wir die oberste Stufe. Wir werden am besten rückwärts auf Händen und Füßen hinabklettern.“
   „Das geht nicht, das geht nicht,“ sagte jetzt Thamar, der es im Finstern an dem ganz unbekannten Ort unheimlich wurde. „Wäre es nicht besser, du schlichest dich ins Haus hinüber und holtest ein Öllämpchen?“
   „Eben sagtest du: Das geht und das muss gehen, und so sage ich auch jetzt. Ein Lämpchen kann ich unmöglich holen, das müsste uns ja verraten! Also ich krieche voraus und werde dir die Füße auf die Stufen stellen. So. Etwa in der Mitte der Treppe fehlen ein paar Stufen. Hier -  o weh! Beinahe wäre ich gefallen! Du musst dich etwas mehr strecken! Wie ungeschickt doch die Mädchen sind! Da... !“ Beide fielen ein paar Stufen herab. „Hast du dir sehr wehe getan? Mich schmerz die Schulter, auf die du mir gefallen bist!“
   Thamar versuchte aufzustehen und sagte: „Ich glaube, ich habe mir die linke Hand verstaucht. Aber das tut nichts. Sind wir jetzt unten?“
   „Ja. Hörst du, wie der Besessene brüllt? Ich glaube, es wäre gescheiter, wir kletterten gleich wieder hinauf. So habe ich ihn doch noch nie rasen hören!“
   Thamar zitterte wie Espenlaub. Aber sie raffte sich zusammen und sagte: „Mut, Benjamin! Die heiligen Engel werden uns beschützen!“ Mit diesen Worten schritt sie durch einen langen gewölbten Korridor dem Gefängnisse zu, und zagend folgte ihr der Bruder. Durch kleine Luken in der Hohe fiel einiges Licht ein; auch hatten sich ihre Augen an die Dunkelheit etwas gewöhnt. So erreichten sie die Türe des Kerkers und klopften an derselben.
 
   Lucius Flavus hatte seit seiner Gefangenname entsetzliche Stunden durchlebt. Offen hatte ihm Eleazar erklärt, er sein einem schrecklichen Tode geweiht, weil er es gewagt habe, um die Liebe einer Tochter Israels zu werben, die er selbst, der Führer und künftige Fürst seines Volkes, zur Braut erwählt habe. Der Römer war viel zu stolz, um seine Verehrung für Thamar zu leugnen oder zu entschuldigen. Statt dessen sagte er Eleazar ins Gesicht, er bedaure das Mädchen, dass sie einem eidbrüchigen Schurken bestimmt sei. Bei einem haar hätte Eleazar in seiner Wut ihm das Schwert durch den leib gerannt, aber er bezwang sich, um grausamere Rache zu nehmen.
   „Du hast dafür gesorgt, dass das Vermögen des Rabbi Sadok in Antiochien unter römische Vormundschaft gestellt wurde. Unterschreibe sofort diesen Brief an den Legaten, dass er diese Anordnung rückgängig mache,“ schrie er den Gefangenen an. Nicht Lucius, sondern Berenice hatte durch ihren Verwalter diesen Schritt veranlasst; aber der Centurio ließ Eleazar ruhig bei dem Glauben, das sei sein Werk, und erwiderte höhnisch, es freue ihn, dass das Vermögen der Jungfrau gegen den Geiz ihres unwürdigen Bewerbers gesichert sei.
   Da hatte ihn Eleazar mit auf den Rücken gebundenen Händen zu dem wahnsinnigen Kaiphas in die Kerkerzelle gestoßen und gesagt: „Du magst dich bis zum Morgen eines anderen besinnen. Sonst, bei meinem Schwerte, sollst du Qualen verkosten, dass du um den Tod wie um eine Gnade betteln wirst.“
   Und in der tat, die Stunden bei dem Wahnsinnigen waren schrecklich, besonders seit Einbruch der nacht, da der Widerschein des nahen Burgbrandes in die Kerkerzelle fiel. „Jetzt kommt der Nazarener zum Gericht auf den Wolken des Himmels! Schon hat er den Pfuhl der Hölle entsiegelt -  Seht, wie ihre Flammen den Himmel röten! Und ich, ich soll in die Esse geschleudert werden. Da kommt der Teufel, da klopfen sie schon an die Türe!“ So hatte Kaiphas gerast, dass Lucius dachte, auch er werde den Verstand verlieren, ehe der Morgen graue.
 
   In der Tat hörte auch Lucius jetzt an die Kerkertüre klopfen und an den Riegeln rüttelt. „Mut!“ flüsterte eine Frauenstimme, die er sofort erkannte. „Mut, Centurio! Mit Gottes Hilfe bringen wir dir die Freiheit!“
   „Die Tochter des Rabbi!“ rief Lucius.
   „Ja, ich bin es wirklich -   aber um des Himmels Willen, die Riegel weichen nicht, Benjamin!“
   „So hat Giezi das Schloss mit dem Schlüssel abgesperrt, der immer in seiner Kammer an der Türe hängt. Ich werde ihn wohl holen müssen,“ klagte Benjamin. „Wirst du Mut haben, so lange hier unten an der Kellertüre allein zu warten?“
   „Gewiss will  ich hier warten. Lauf, und möge Gott dich den Schlüssel finden lassen!“
   Der Knabe ging. Lucius war inzwischen an die Türe getreten und hatte versucht, sie mit aller Kraft der Schultern aus den Angeln zu heben. Aber sie widerstand den Anstrengungen.
   „Ich fürchte, o Tochter des Rabbi, dass dein Edelmut dich in eine schlimme Lage bringen wird, und wahrlich, mein Leben wäre zu teuer bezahlt um den Preis deines guten Rufes oder deines Glückes. Überlass mich meinem Schicksal! Was du für mich getan hast, ist auch so nicht umsonst; du kannst dir sagen: ,Ich habe einem Sterbenden einen süßen Trost bereitet.’  Und wenn du es erlaubst, so möchte ich dich noch um zwei Dinge bitten: Wähle lieber wie eine edle Römerin den Tod, als dass du dich diesem Eleazar vermählst. Bei allen Göttern, nicht Eifersucht gibt mir diese Bitte ein, obwohl ich dich mit ganzer Seele liebe, sondern dein Wohl! Versprichst du mir dieses?“
   „Ich verspreche dir, dass ich niemals freiwillig die Frau dieses Mannes werde. Mich selbst töten aber darf ich nicht. Das ist gegen das Gesetz unseres Gottes. Was ist deine zweite Bitte?“
   „Schreibe an meine Mutter und Schwester meinen letzten Gruß. Der Brief wird in ihre Hände gelangen, wenn du darauf schreibst: Der edlen Matrone Lucina in der Appischen Straße zu Rom. Schreibe ihnen, ich hätte in meiner letzten Stunde och in treuer Liebe an sie gedacht. Schreibe ihnen aber nur im Allgemeinen, ich sei eines ehrlichen Soldatentodes gestorben; sie sollen nicht erfahren, wie elend ich hier ums Leben komme. Sie würden sich sonst zu Tode grämen. Schreibe ihnen endlich, ich freue mich, sie in einer besseren Welt wiederzusehen -  doch nein: Schreibe davon nichts! Ach, dass wir darüber etwas sicheres wüssten! Das wäre ein Trost im Streben! Was denkst du davon? Doch freilich, ihr Juden glaubt ja an ein Jenseits! Ich sehe dann nur  nicht, wie man mit einem solchen Glauben im Herzen Frevel begehen kann wie dieser Unglückliche da, der seine Verdammung erwartet, und wie sein Sohn und Enkel!“
   „O Lucius, ich glaube an eine Auferstehung der Toten und an ein ewiges Leben! Ich glaube, dass Jesus von Nazareth von den Toten auferstanden ist und uns das durch  die Sünde verschlossene Tor des Himmels geöffnet hat. Sobald ich Gelegenheit finde, werde ich mich taufen lassen. O dass auch du glauben und die Taufe wenigstens ersehnen, wenn nicht empfangen könntest: es würde dir zum ewigen Heile gereichen!“
   „Gerade wie Lysias, der heute mir diesem Bekenntnisse auf den Lippen starb! Und den verklärten Blick in seinen Augen, mit dem ich ihn zusammenbrechen sah, werde ich nie vergessen,“ sagte Lucius vor sich hin. Dann drang er in Thamar, sich nicht länger der Gefahr auszusetzen; diese aber erwiderte, sie müsse doch wenigstens ihren kleinen Bruder abwarten, und fuhr fort, ihm Gründe vorzulegen, weshalb er den heidnischen Glauben mit dem christlichen vertauschen müsse.
   Endlich kam Benjamin so eilig, als es in dem dunklen Gange nur möglich war. „Ich habe ihn,“ keuchte er. „Aber nun müssen wir uns sputen. Giezi ist hinter mir her. Ich schlug ihm die Lampe aus der Hand, und nun muss er sich erst eine andere holen, sonst hätte er mich schon eingeholt. Aber wo ist denn das Schlüsselloch? Hier! Mein Gott, ich kann den Schlüssel nicht drehen! Versuche du, Thamar!“
   Thamar versuchte, aber der Schlüssel bewegte sich nicht. „Drehe nach links!“ rief Lucius in höchster Angst; denn jede Sekunde gefährdete seine Rettung und das Los der beiden, die sich für ihn in diese Gefahr begeben hatten. Endlich knirschte das Schloss, die eisernen Riegel gaben nach und Thamar betrat den Kerker.
   Der dunkle Überwurf war ihr im Eifer, das Schloss zu öffnen, von den Schultern geglitten; so stand sie im Widerschein des durch das Kerkerfenster einfallenden Flammenlichts wie ein Engel in dem dunklen Raume. Kaiphas fiel auf die Knie und rief: „Da kommt der Bote des Nazareners! Das ist einer von den Geistern, die seinen Thron umgeben auf den Wolken des Himmels! Jetzt schleppt er mich vor seinen Richterstuhl, wo mich der Spruch der ewigen Verdammnis erwartet. Weh!“
   „Bereue deine Sünde, Unglücklicher, so wird dir Jesus verzeihen, der für die Sünden aller gestorben ist,“ sagte Thamar, während sie Lucius eilig den Strick löste, mit dem seine Arme auf den Rücken gebunden waren.
   Als aber Kaiphas den Namen Jesus hörte, erfasste ihn neue Raserei, und er schrie: „Ans Kreuz mit ihm! Sein Blut über uns!“
   „Kommt, kommt! Ich kann es nicht anhören!“ rief Benjamin.
   „Das gibt uns Zeit, zu entkommen. Wirf dieses Umschlagtuch über, Centurio, dass man dich nicht auf den ersten Blick als Römer erkennt,“ rief Thamar.
   „Aber wohin? Ich kenne in der ganzen Stadt keine Seele, seit meine Kameraden erschlagen und Berenice fort ist.“
   „Mir nach!“ rief Benjamin. „Ich weiß ein haus in der Nachbarschaft, wo sehr freundliche Leute wohnen. Ich muss sowieso mit dir fliehen, denn Eleazar schlägt mich tot, wenn er mich erwischt. Du wirst auch mit müssen, Thamar, denn der Pförtner lässt dich gewiss nicht durch das Tor.“
   Es war keine Zeit zu langem Überlegen. Lucius und Thamar folgten dem Knaben, der sie hinter den Baufälligen Flügel führte, wo ein paar Stufen die Höhe der Hofmauer erstiegen. Von da zeigte Benjamin das Marienhaus, das auf dieser Seite nur durch einige Gärten vom Hause des Kaiphas getrennt war. „Nathanael und ich sind schon öfter dort gewesen. Paulinus, den ich kenne, hat uns Feigen geschenkt und seine schönen weißen Tauben gezeigt. Hier müssen wir hinabspringen! Es ist gar nicht so schrecklich hoch und unten weiche Gartenerde. Nur mir nach!“
   Damit sprang der kecke Knabe in die Tiefe. Aber Thamar zauderte. „Ich wage den Sprung nicht,“ sagte sie; „ich denke, ich versuche doch lieber, durch das Hoftor zu entschlüpfen.“
   „Das geht nicht mehr! Höre den Lärm, den sie im Hofe machen. Wir müssen. Gib mir die Hand, wir wollen zusammen springen.“
   Und so wagte sie mit Lucius den Sprung. „Hast du dir weh getan?“ fragte er, sie vom Boden erhebend.
   „Nicht sehr, „ sagte sie, den Schmerz verbeißend. „Nur der rechte Fuß -  o weh, ich fürchte, er ist gebrochen“ Ich kann nicht gehen. Lass mich in Gottes Namen hier und fliehe mit Benkamin!“
   Da nahm er sie wie ein Kind auf den Arm und folgte dem in leichten Sprüngen voraneilenden Knaben. Einige zum Glück nicht hohe Gartenmauern hemmten zwar die Flucht; aber Lucius erreichte mit seiner Bürde glücklich das kleine Häuschen, an dessen Gartentüre Benjamin bereits klopfte und nach seinem Freunde Paulinus rief. 
 

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